„Welterbe trifft documenta“ , 4.11.16

Gesprächsrunde mit Annette Kulenkampff, documenta-Geschäftsführerin, Prof. Dr. Gerd Weiß, Präsident i.R. des Lf DH, Moderation Angela Makowski, Kunsthistorikerin

 

Unter Hinweis auf die ans „Ufer“ der documenta geschleuderte „Spitzhacke“ des Herkules fasste einer der Besucher am Ende eines hochinteressanten Abends seine Eindrücke zusammen: Es gibt sie bereits, die vielfältigen künstlerischen Bezugnahmen auf die documenta in kulturellen Kontexten Kassels; neu aber ist nach der Ernennung von Herkules und Bergpark zum Weltkulturerbe im Jahr 2013 das erstmalige Zusammentreffen dieser beiden „Weltmarken“ (HNA 6.10.) während der kommenden documenta14.

Der Verein Bürger für das Welterbe hatte mit dem Thema seiner Veranstaltung in der Alten Wache ins Schwarze des öffentlichen Interesses getroffen.

So konnte die Vorsitzende Brigitte Bergholter unter den vielen interessierten Zuhörern Vertreter der der Stadt und der Stadtverordnetenversammlung, Sprecher anderer Wilhelmshöher Vereine wie des Rosenvereins und des Runden Tisches der Kasseler Kulturgesellschaften und der MHK begrüßen, dazu eine große Anzahl auch neuer Mitglieder des Vereins.

 Im Mittelpunkt des Interesses standen die documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff und Prof. Dr. Gerd Weiß, ehemaliger Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege und Welterbe-Beauftragter des Landes Hessen. Nach der Anmoderation der Kunsthistorikerin Angela Makowski ließen die einleitende Statements bereits die „Nähe“ erkennen , die beide – Welterbe und documenta - in ihrem Selbstverständnis miteinander verbindet:

Die Welterbekonvention von 1972 und die erste documenta 1955 wurzeln beide in der traumatischen Erfahrung kriegerischer Zerstörungen, aber auch zivilisatorischer Bedrohungen von Kulturgütern, denen sie den Schutz und das würdigende Interesse der internationalen Gemeinschaft entgegensetzen: einerseits den Denkmalschutz der UNESCO als internationaler Kulturorganisation und andererseits die künstlerische Wertschätzung der zunächst noch unter dem Stigma des „Entarteten“ stehenden modernen Kunst. „Demokratie“ und „Internationalität“ seien - so Frau Kulenkampff – in der documenta „Ausdruck eines Wertzusammenhangs künstlerischer Freiheit“, für Gert Weiß sind sie im Sinne der UNESCO maßgeblich für eine neue gesamtgesellschaftliche „Wertschätzung“ von gewachsener Kultur in Denkmälern und Kulturlandschaften. Beide Konzepte suchten dabei, sei es im „Denk-mal“ , sei es in Projekten modernen Kunst, auch das „Sperrige“ und „Anstößige“, und damit das, was zu immer neuem öffentlichen Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge und ästhetische Betrachtungsweisen von Kunst und Kultur führen könne.

In der Konsequenz dieses hohen gesellschaftlichen und künstlerischen Stellenwerts der documenta setzt sich Frau Kulenkampff seit längerem ein für deren Aufnahme in die Liste des „immateriellen Kulturerbes“ der UNESCO , durchaus im Bewusstsein dessen, was für das Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe bereits erkennbar geworden ist: Der Welterbestatus birgt die Gefahr, als ein „Marketinginstrument“ minimalisiert zu werden. Gehe es dabei also doch um eine „Werbestrategie“ ? - wie die Moderatorin Angela Makowski unter Bezug auf ein anderes Projekt einwarf - . “Das braucht die documenta nicht“, so Frau Kulenkampff, sie suche und finde immer wieder problemlos den internationalen Austausch, so zuletzt wieder in Athen. Athen wolle von Kassel lernen, von Kassels landschaftsgärtnerischer Kompetenz, die man für die Rekonstruktion des Athener „National Garden“ gern heranziehen möchte.

Was aber braucht der Bergpark ? Für Gert Weiß „eine verlässliche“ - auch finanziell verlässlich ausgestattete – „schrittweise Entwicklung“ als Anschauungsobjekt außergewöhnlicher menschlicher Schöpferkraft. Die dabei bestehende Spannung zwischen dem „Teilhabebegehren“ vieler Menschen und dem „Schutz“ des Kulturguts sei aufhebbar: Es müsse daran gearbeitet werden, die respektvolle „Wertschätzung“ der Anlagen schrittweise zu verstärken.

Und doch wurde auch deutlich, dass Welterbe und documenta an diesem Abend nicht vorbehaltlos aufeinander trafen. Es könne bei einem solchen möglichen Zusammentreffen im kommenden Jahr nicht um die „Möblierung der Parks“ mit moderner Kunst gehen, so Prof.Weiß , schon gar nicht um Eingriffe in die künstlerische Gestalt eines Gartenkunstwerks durch den kritikfrei gestellten Einbau eines Kunstwerks ganz anderer Art wie z.B. bei den „Reisterrassen“ auf dem Schlossberg und der Penone Baum in der Karlsaue. Hier fand Weiß mit der Formulierung „der Park ist das Kunstwerk“ einen eindeutigen Standpunkt, von dem aus die jeweilige „Angemessenheit“ zu bedenken sei.

Weiß nutzte dabei die Gelegenheit, ein Projekt zu fokussieren, das - vergleichbar der „Spitzhacke“ von Claes Oldenburg - den Brückenschlag symbolisiere könne, der Natur und Kunst, Stadt und Welterbe – ja Welterbe „da oben“ und documenta „da unten“ – anschaulich und beeindruckend verbinden könne: Die Begrünung und Neugestaltung der Wilhelmshöher Allee als städtebauliches Rückgrat und landschaftsgärtnerische Achse: „Das könnte eine der bedeutendsten Alleen Deutschlands werden.“

So wie er begonnen hatte - mit einem Glas Prosecco aus Anlass des 15jährige Bestehens des Vereins - endete der Abend für die meisten Besucher in angeregter Gesprächsatmosphäre - auch dank der Hilfe des Service-Teams der Alten Wache.

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