Lange zählte der Neue Wasserfall zu den spektakulären Höhepunkten der berühmten Wilhelmshöher Wasserspiele, heute führt er halb vergessen ein Schattendasein am Rande, da er seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr bespielt wird. Die Zeitgenossen überboten sich seinerzeit bei den Beschreibungen des in den 1820er Jahren enstandenen Werks: „Sein Bild ist wahrhaft großartig und malerisch“ – „Ein ungeheuerer Felsenberg, dessen Spitzen noch in die Lüfte ragen“, über dessen „ungeheure Felsennmassen“ das Wasser 130 Fuß (ca. 40 Meter) mit „furchtbarem Getöse von Felsen zu Felsen in einen schauerlichen Abgrund“ herabstürzt, um dann, in einem Becken wieder zur Ruhe gekommen, über viele kleine Kaskaden und zwischengeschaltete Bassins und unter Brücken hindurch schließlich in „einem schönen Wiesengrunde“ Richtung Kassel zu fließen.

Mit dieser monumentalen Anlage strebte der Erbauer, Kurfürst Wilhelm II. (reg. 1821-1831/47), danach, die von seinen Vorgängern geschaffenen Wasserkünste zu ergänzen oder gar zu übertreffen. Das damals als „ein herrliches bleibendes Kunstwerk“ charakterisierte Bauwerk entsprach offensichtlich dieser Erwartung, entwickelte sich aber dann erst einmal zu einem kostspieligen Sorgenkind.

Begonnen wurde mit den Planungen zum Neuen Wasserfall und der Umgebung bereits kurz nach dem Regierungsantritt des

Kurfürsten. Dabei wirkten, wie auch in anderen fürstlichen Gärten, der Hofarchitekt Johann Conrad Bromeis und der 1822 zum Hofgartenkontrolleur ernannte Wilhelm Hentze zusammen. Die Maßnahmen wurden mit beträchtlichem finanziellem Aufwand und großem Einsatz von Arbeitskräften ausgeführt.

Der Neue Wasserfall von der Brücke aus. Historisches Foto, Sammlung Feyll/Forssman
Der Neue Wasserfall von der Brücke aus. Historisches Foto, Sammlung Feyll/Forssman

Zunächst verlegte man die hier befindliche Baumschule und baute die heute noch vorhandene Brücke für die befahrbare „Neue Chausee“, die eine Verbindung zu dem nördlichen Bereich des Parks, der sogenannten „Weimarischen Seite“, herstellte. Der Bau wurde vom Wahlershäuser Maurermeister Engel und Zimmermeister Fremder 1824/25 unter Verwendung von „Duckstein“, (Tuffstein) vorgenommen. Das Brrückengeländer bestand aus unregelmäßig gearbeiteten Tuffquadern, musste dann aber durch ein gusseisernes Geländer ersetzt werden, da der Kurfürst die Steine als „geschmacklos“ empfand. Baumeister Bromeis hatte 19 (!) neue Entwürfe vorzulegen, aus denen das in gotisierenden Formen gebildete Geländer ausgewählt wurde, das auf alten Fotos noch zu erkennen ist. In der Eisenhütte in Veckerhagen hergestellt, wurde es im Sommer 1826 von der Firma Henschel angebracht.

 

Die Arbeiten am Wasserfall leitete zunächst der bewährte Brunnen- und Wasserkunst-Inspektor Karl Steinhofer, der  seit den 1770er Jahren in Wilhelmshöhe als Wasserbauspezialist wirkte. Er hatte sich in der Arbeitspraxis vom Brunnenknecht zu einem genialischen Wasserbauspezialisten entwickelt, der sein Metier mit intuitivem Gespür für die Beschaffenheit des Wassers, des Geländes und des Baumaterials betrieb. Der originelle Mann, kleinwüchsig und oft als gnomenhaft beschrieben, war lange Zeit als der „Wassergott“ von Wilhelmshöhe bekannt und poulär; das Funktionieren der Wasserkünste schien ohne ihn undenkbar. Sein Wunsch, in seiner bekanntesten Schöpfung, dem heute nach ihm benannten Wasserfall, beigesetzt zu werden, blieb unerfüllt; er wurde 1829 auf dem kleinen Friedhof von Mulang bestattet.

Seinem letzten Wasserbauprojekt war Steinhofer, bei Baubeginn immerhin fast 80 Jahre alt, jedoch offenbar nicht mehr recht gewachsen, so dass Bromeis mit der Vollendung beauftragt wurde. Aber auch dieser konnte nicht vermeiden, dass der auf einem problematischen sandigen Grund platzierte Wasserfall bereits 1835 teilweise einstürzte. Auch 1850 brachen wieder große Partien der vom Wasser unterspülten „ungeheuren Felsennmassen“ zusammen, was erneut umfangreiche und kostenträchtige Wiederherstellungen erforderlich machte. Der schwierige Baugrund und der erhebliche Aufwand bei der Abdichtung sind bis heute die Hauptprobleme des Neuen Wasserfalls, die zu seiner nun schon 75 Jahre andauernden Stilllegung geführt haben.

Der Neue Wasserfall. Die Stereofotografie eines Berliner Verlags belegt die Bekanntheit der Kasseler Wasserspiele um 1900. Sammlung Feyll/Forssman
Der Neue Wasserfall. Die Stereofotografie eines Berliner Verlags belegt die Bekanntheit der Kasseler Wasserspiele um 1900. Sammlung Feyll/Forssman

Der etwa 16 Meter breite Wassersturz und der sich unterhalb der Brücke anschließende breite Graben mit Kaskaden und Staubecken sowie aufwendigen Steinsetzungen aus Basalt- und Quarzitblöcken war gestalterischer Mittelpunkt der letzten größeren Erweiterung des Parks nach Norden. Wilhelm Hentze konnte in diesem bis dahin gartenkünstlerisch nur wenig oder gar nicht bearbeiteten Bereich seine Vorstellungen eines Landschaftsparks fast unbeschränkt verwirklichen. Gemäß seiner Devise „Man braucht nur der Natur durch Kunst etwas nachzuhelfen, so schafft man einen schönen Naturgarten“ schuf er mit zurückhaltenden Eingriffen eine harmonische Abfolge von Wiesenflächen, gezielt begrenzt von Waldpartien und durchsetzt mit Baumgruppen oder besonderen Einzelbäumen. Die leicht geschwungenen Wege, mit denen das Gelände erschlossen wurde, waren stellenweise auf den Wasserfall bezogen, indem sie diesen begleiteten, überquerten oder zu ausgesuchten Aussichtsplätzen führten, von denen das Kastanienrondell am nördlichen Grabenufer (heute stehen hier Linden) unterhalb der Brücke der bekannteste war.

In diese scheinbar unberührte Naturlandschaft gedachte Kurfürst Wilhelm II. allerdings noch ein groß dimensioniertes architektonisches Monument zu setzen. Anstelle des Hofes Montchéri plante er für sich ein Mausoleum in Form eines antiken Tempels aus weißem Marmor, der ein Gegengewicht zur südlich gelegenen Löwenburg, der Grabstätte seines Vaters, gedacht war. Das Projekt blieb unausgeführt, da der Kurfürst 1831 Kassel aus politischen Gründen für immer verließ.

Wer den geschlängelten Pfad auf der Südseite des noch als bloße Kulisse eindrucksvollen Wasserfalls emporsteigt (momentan wegen eines umgestürzten Baums nicht ratsam), gelangt zu dem dahinter angelegten großen Reservoir, aus dem sich das Wasser über die Hangkante ergoss – wenn es denn in ausreichender Menge vorhanden war. Von diesem schon lange leeren künstlichen Teich ist es nicht weit zum Merkurtempel mit seiner schönen, jedoch heute eingeschränkten Aussicht über den Park und Kassel. Den Rundtempel kann man vom Wasserfall aus aber auch über die in leicht ansteigendem weiten Bogen geführte „Neue Chaussee“ erreichen, wobei die von Hentze kunstvoll gestaltete Waldlandschaft immer wieder reizvolle Ansichten bietet.

 

 

Bildnachweise:

Bild: Bettina von Andrian

Bild: Der Neue Wasserfall von der Brücke aus. Historisches Foto, Sammlung Feyll/Forssman

Bild: Der Neue Wasserfall. Die Stereofotografie eines Berliner Verlags belegt die Bekanntheit der Kasseler Wasserspiele um 1900. Sammlung Feyll/Forssman

Bild: Gerd Fenner, Teilansicht des Neuen Wasserfalls, Zustand April 2015.