Der neue Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK), Prof. Dr. Martin Eberle, trat am 1. Mai 2018 die Nachfolge von Prof. Dr. Bernd Küster an. Er war seit 2007 Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha (Thüringen) und machte sich dort vor allem einen Namen mit der Neukonzeption der Gothaer Schloss- und Museumslandschaft.

"Angekommen..."

 

Gespräch

„Angekommen…“

Prof. Dr. Eberle, der neue Leiter der Museumslandschaft Hessen Kassel, im Gespräch mit den Bürgern für das Welterbe

 


Am 2. Juni fand auf Initiative unserer Vorsitzenden Frau Brigitte Bergholter ein Willkommensgespräch mit dem neuen Leiter der MHK in den Räumen des Kirchflügels im Schloss Wilhelmshöhe statt. Wir fassen hier die Fragestellungen und Antworten für unsere Vereinsmitglieder zusammen.

 Prof. Dr. Eberle ergreift - nach einer sehr freundlichen persönlichen Begrüßung jedes Vorstandsmitgliedes und einleitenden Worten der Vereinsvorsitzenden - sofort die Gesprächsinitiative und geht ohne Umschweife auf die vor ihm liegenden Aufgaben und Probleme ein:

 Prof. Dr. Eberle:

„Weltkulturerbe“ - mit diesem Begriff verbindet sich für mich, und das gilt im erweiterten Sinne für alle mir seit dem 1. Mai zur Verantwortung übergebenen Einrichtungen und Exponate der Museumslandschaft, nicht nur die Hervorhebung einer großen kulturhistorischen Relevanz und künstlerischen Qualität meiner neuen Wirkungsstätte, sondern die Herausforderung, wann immer es um den Schutz und Erhalt der Anlagen geht, mein „Stopp“ zu formulieren - engagiert und begründet … und genau dafür brauche ich Sie als d e n Verein, der sich satzungsgemäß den Schutz und Erhalt der Welterbeanlagen auf seine Fahnen geschrieben hat. Ich nenne das die bilaterale Ebene des Schutzversprechens: das notwendige Zusammenspiel von MHK und städtischer Bürgerschaft in Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung für den kulturellen Kosmos „unseres“ Erbes. Dabei ist es für mich nur konsequent, die Aufgabe der „Vermittlung“ prioritär zu setzen, d.h. immer wieder neu Brücken in die Stadtgesellschaft zu schlagen …und hier wiederhole ich: Auch dafür brauchen wir Sie.

Bürger für das Welterbe:

An welche Wege in die Mitte der Stadtgesellschaft haben Sie gedacht?

Prof. Dr. Eberle:

Ich möchte den Geschmack der Stadtgesellschaft nicht beeinflussen, hoffe aber, ihn zu treffen. Ich möchte die in meinen Verantwortungsbereich fallenden Museen, Schlossgebäude und Parks unter neuen faszinierenden Themenstellungen und Blickwinkeln für die Menschen in und um Kassel öffnen und interessant werden lassen; neue Raumkonzepte gehören einfach dazu, auch darüber habe ich mir bereits Gedanken gemacht, beispielsweise bezüglich des Weißensteinflügels oder in Bezug auf Pläne zum Neubau des Tapetenmuseums. Beispielsweise schwebt mir vor, das Interesse und die Lust am „Schloss“ neu zu beleben. Schlösser, so zeigen meine jüngsten Erfahrungen, ziehen Besucher aus allen Generationen an. Das nördliche Hessen hat viele davon – lassen Sie uns sie vernetzen, um gemeinsam noch attraktiver für unsere Besucher zu werden, beispielsweise an „Schlössertagen“: Außer Wilhelmshöhe bieten sich hier die Schlösser Friedrichstein, Wilhelmsthal, Arolsen und viele andere mehr an : ein Schatz, der gehoben werden sollte.

Bürger für das Welterbe:

Welche Schwerpunkte möchten Sie beispielsweise im Schloss und Schlossmuseum Wilhelmshöhe setzen?

Prof. Dr. Eberle: Hier wie in der Orangerie oder im Landesmuseum oder immer wieder im musealen Verbund setze ich auf museumsdidaktische Neuakzentuierungen z.B. unter dem Motto „Fürstliches Leben erzählen“; die Kulturwissenschaft hat uns dazu interessante Zugänge eröffnet z.B. unter den Kategorien leiblicher Vollzüge wie „Jagen“, „Heiraten“ oder „Essen und Trinken“, aber auch in Bezug auf menschliche Arbeitsfelder wie „Wasser“ oder „Gärten“. - Das Thema „Gärten“, könnte das nicht im Jahr 2023 d a s zentrale Thema in allen Museen und Parkanlagen der MHK sein, wenn wir 10 Jahre Weltkulturerbe in Kassel feiern? Das ist für mich eine Herausforderung, ganz Kassel und viele seiner Besucher anzusprechen und mitzunehmen…auch dafür brauchen wir Sie!

Bürger für das Welterbe:

Wie kann das gelingen, ohne den Menschen das Gefühl zu geben, sie belehren zu wollen? Das ist eine Herausforderung an die Art der Vermittlung, der sich unser Verein seit seiner Gründung immer wieder gestellt hat.

Prof. Dr. Eberle:

Ich gebe mal ein Beispiel, wie ich mir eine publikumsnahe Vermittlung denke: 2019 gibt uns der 350. Todestag Rembrandts Anlass für eine Würdigung dieses Malers in der Gemäldegalerie im Schloss Wilhelmshöhe. Ich möchte das nutzen, um eine zweijährige Veranstaltungsreihe unter wechselnden aktuellen Themen zu etablieren. Für Kassel und seine öffentliche Wahrnehmung der umfangreichen Rembrandtsammlungen denken wir dabei an die Botschaft: „Kassel….verliebt in Saskia!“ Das würde das Schloss und den Bergpark auch außerhalb der Wasserspieltage attraktiv machen.

Bürger für das Welterbe:

Wie aber wollen Sie bei zunehmendem, auch überregionalem Interesse nach dem Motto „Alle Welt liebt Kassels Weltkulturerbe…“ den Besucherandrang handhaben, ohne an die Grenzen der Kapazität des Bergparks zu stoßen und seinen Schutz zu riskieren? Wie können Sie dabei das positive Teilnahmebegehren einer großen Öffentlichkeit garantieren, ohne den Schutzauftrag zu vernachlässigen?

Prof. Dr. Eberle:

Wir müssen, natürlich, immer wieder die international von ICOMOS, auf Landesebene vom hessischen Denkmalschutz und regional von Polizei und Feuerwehr gesetzten Grenzen berücksichtigen, das gilt sowohl für die Nutzung von Innen- als auch von Außenräumen.

Bürger für das Welterbe:

Wir haben es in der Aue erlebt, z.B. bei der Werbeaktion eines Möbelhauses, bei der Ballon-Aktion eines Rundfunksenders oder kürzlich bei Planungen für ein Popkonzert an Wasserspieltagen, wie schnell die Menge der Besucher „über alle Hürden geht“.

Prof. Dr. Eberle: Hier sind Einzelfälle genau zu prüfen, das gilt für die Aue und den Zissel genauso wie für Open-Air-Konzerte im Bergpark. Wir werden nicht alles grundsätzlich verbieten wollen, aber unsere Sensibilität schärfen angesichts zunehmender Verrohung bei der Nutzung öffentlicher Parkanlagen.

Bürger für das Welterbe:

Wir verfolgen als Verein seit Jahren, dass es, zunächst im Prozess der Welterbebewerbung seit 2003, hochrangige Gutachten gibt, z.B. von AS+P in Frankfurt, eine Machbarkeitsstudie der Uni Kassel, ein Gesamterschließungskonzept im Auftrag der Stadt und aus dem Fachbereich Landschaftsarchitektur der Uni ein Bündel von Vorschlägen zur Nachhaltigkeit, dazu aus der Uni-Soziologie Arbeiten zum Verhältnis der Kasseler Gesellschaft zum neuen Weltkulturerbe – sollten diese fortgeschrieben werden?

Prof. Dr. Eberle:

Welche Vorschläge, welche offenen Fragen wären aus Sicht des Vereins daraus bedenkenswert?

Bürger für das Welterbe:

Wir haben als bürgerschaftliche Bewegung - außer beim UNESCO-Bewerbungsdossier und auch da nur informell, wenn auch erfolgreich - kaum Anteil an der Konzipierung von Planungsvorhaben gehabt, wenngleich wir bei Fehlplanungen z.B. bei der ursprünglichen Fehlpositionierung des Besucherzentrums am Herkules korrigierend Einfluss nehmen konnten. Es hat sich aber gezeigt, dass wir in den Bereichen „Monitoring“ (als Schutzauftrag), „Förderung“ (als Auftrag zum „Erhalt“ der Parkanlagen,) und „Vermittlung“ an Kinder und Jugendliche, aber auch Vermittlung über Vorträge und Exkursionen an Erwachsene Erwachsene bisher durchaus Möglichkeiten gefunden haben, eigenständig Ideen und Konzepte zu entwickeln und in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Wir möchten diese Arbeit sehr gern unter Ihrer Direktion fortsetzen und gewürdigt wissen. Darauf freuen wir uns: Dazu gehört u.a. die weitere Instandsetzung des Buddhas in der Mulangpagode, für die wir ca. 20 000 Euro bereits investiert haben, die Initiierung einer denkmalschützerischen Bestandsaufnahme zur Rettung der Steingloben vor dem Schloss, die Prüfung von Möglichkeiten zur Verkehrsberuhigung gegebenenfalls bis hin zur Schließung von Parkstraßen. Wir verstärken die öffentliche Wahrnehmung der Gartenkultur im Bergpark, in der Aue und Wilhelmsthal durch Führungen und Informationen wie z.B. einen Baumflyer. Bei den Vermittlungsformaten, die wir in einer Veranstaltungsgruppe entwickeln, schließen wir uns gern dem MHK Programm an…beispielsweise bei der lustvollen Annäherung und erinnerungskonstituierenden Hereinführung der Besucher in den Park: Sie nennen es „Kassel verliebt in…“ wir nennen es „Literatur im Park“ oder „Musik im Ballhaus“ … oder „Kinder zum Herkules!“

Prof. Dr. Eberle:

Ich bin hier zunächst ganz bei Ihnen, möchte aber die entsprechenden Materialien für Kinder gern mehr auf die Anspruchsebene der Eltern, der Erwachsenen heben, um beide mitzunehmen.

Bürger für das Welterbe:

Wir haben hierzu mit einer Formulierung der uns immer wieder beratenden Paderborner Prof. Dr. Stroeter-Bender gefragt, “Was es heißt, eine Welterbestätte zu sein…“ und dazu unsere eigene Antwort gefunden: „…eine Bildungsoffensive für Generationen“.

Zusammen mit der MHK und hier natürlich mit Frau Buchholz, deren Leistung auf diesem Gebiet trotz einer Mangelsituation bei der personellen Ausstattung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, würden wir mit Ihrer Hilfe sehr gern auf diesem Weg kooperativ weiter fortschreiten…denn dazu brauchen wir Sie, sehr geehrter Herr Dr. Eberle, um Ihre einleitenden Worte hier aufzunehmen.

Prof. Dr. Eberle:

Lassen Sie uns gemeinsam doch wieder unseren „wilhelminischen Dackel“ Erdmann…überhaupt „das Wilhelminische“ im Park und in Kassel „ausgraben“!

Bürger für das Welterbe:

Da sind wir dabei! Wir danken Ihnen für das Gespräch und die Vielfalt der Antworten, die Sie uns geben konnten, und freuen uns auf die vor uns liegende Zeit. Dabei wüssten wir gern im Sinne von Marcel Proust schon heute: „Welche natürliche Gabe möchten Sie bei der Bewältigung der vor Ihnen liegenden Aufgaben besitzen?“

Prof. Dr. Eberle:

Meinen Studenten sage ich immer: „Wer im Museum arbeiten will, muss vor allem eines können: Die Menschen lieben!“ – denn letztlich arbeiten wir mit Menschen für Menschen. Das ist mir sehr, sehr wichtig. Und ich hoffe sehr, dass ich diese natürliche Gabe habe … dann wird alles schon gelingen.“  (in Abstimmung mit Dr. Eberle: B. Noll)


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