Die „Festung Gibraltar“ im Bergpark Wilhelmshöhe

Landgraf Friedrich II. (reg. 1760-85) ließ im Park von „Weißenstein“, später Wilhelmshöhe, eine große Anzahl kleiner Staffagebauten errichten, von denen nur noch einige wie die Cestiuspyramide, das Grabmal des Vergil oder der

Merkurtempel erhalten sind. Neben diesen Bauten, die auf Gottheiten und Personen der Antike und der Dichtung bezogen waren, ließ der Regent aber auch das „Chinesische Dorf“ (Mulang) und dort sogar eine militärische Anlage, die

„Schanze Gibraltar“, anlegen. Das dazu benötigte Gelände südlich des Schlosses konnte Friedrich allerdings erst nach jahrelangem zähem Widerstand der Wahlershäuser Bauern erwerben, die hier am „wüsten Abhang“, auch „Die Steine“ genannt, Huterecht für ihr Vieh sowie Holzrechte hatten. Erst 1783 überließ die

Dorfgemeinde schließlich dem Landgrafen gegen einen Kaufpreis von 120 Reichstalern das Gebiet.

 

Der Bau einer kriegerischen Einrichtung in einem Park, der doch ein Sinnbild friedlicher Betätigung und heiterer Muße darstellt, überrascht, ist aber keineswegs eine Kasseler Besonderheit.

 

Ausschnitt aus einem Lageplan von 1785, Staatsarchiv Marburg.

 Es ist die einzige bisher bekannte Darstellung der Anlage, leider nur sehr skizzenhaft. Über der  Darstellung steht: "Hier zwischen stehen die 4 Bations" [eigentlich: Bastions]


In vielen historischen Gärten gab es militärische Anlagen im Kleinformat, die zur einschlägigen Ausbildung der Prinzen und auch für höfische Feste verwendet wurden. In Zeiten, in denen Kriege noch selbstverständlicher Teil der Politik waren, dienten sie zudem der Demonstration militärischer Leistungsfähigkeit und damit dem Renomee der Fürsten. So ließ schon 1680 Landgraf Karl anlässlich seines Geburtstags die Schanze in der Aue zur Unterhaltung des Hofes spielerisch attackieren, wohl nicht ganz zufällig in Gegenwart des französischen Gesandten. 

 

Über die „Festung Gibraltar“ im Bergpark ist nur wenig bekannt, und sie hat offensichtlich auch nur kurze Zeit bestanden. In einem Lageplan, den der Ingenieur-Leutnant Jordan im Juni 1785 anfertigte, wird der Bau als „ins Kleine aufgefuhrte / 4 Bastions oder Vestunge“ erwähnt und skizziert. Demnach handelte es sich um eine zeittypische rechteckige Anlage von je etwa 30 Metern

Seitenlänge mit vier Eckbastionen. Die Bezeichnung „Gibraltar“ taucht 1787 in einem Dokument auf, als die Schanze bereits wieder verschwunden war.

 

Die zunächst ungewöhnlich und etwas großspurig erscheinende Namensgebung könnte sich auf die gerade in diesen Jahren (1780-82) erfolgte ergebnislose Belagerung der berühmten englischen Festung durch französische und spanische Truppen beziehen. Landgraf Friedrich II. hatte möglicherweise eine Ehrung der siegreichen Engländer im Sinn, mit denen er politisch und auch verwandtschaftlich verbunden war. Hinzu kam vielleicht auch ein familiengeschichtliches Moment, war doch die Festung 1704 im Verlauf des Spanischen Erbfolgekriegs unter Führung eines hessischen Prinzen, des in habsburgischen Diensten stehenden Prinzen Georg von Hessen-Darmstadt („Gibraltar-Schorsch“), erobert worden. 

Der Standort des Objekts lässt sich heute nicht mehr eindeutig bestimmen, muss sich aber ausweislich des erwähnten Lageplans etwa 50 Meter oberhalb der Pagode von Mulang befunden haben, im Bereich von Haus und Grundstück Mulangstraße 4. Nähert man sich diesem Ort vom Schloss her, vorbei an der Roseninsel und dem Küchenhäuschen, erweist sich die frühere Lage der „Festung Gibraltar“ als fast so beherrschend wie die des großen Vorbildes am Mittelmeer ...

(Text: Gerd Fenner)